Hike and fly in Jotunheimen

Hier ein kurzer Bericht zum Bergsteigen mit Gleitschirm in Jotunheimen. Der Winter macht für uns Gleitschirmflieger ja vieles einfacher. Der Wind ist besser zu berechnen und die Richtung oft klarer. Gerade für uns Bergsteiger ein großer Vorteil im Vergleich zum Sommer. Ich habe bei meiner Wintertour in Jotunheimen 4 Flüge gemacht und möchte euch ein paar meiner Gedanken zu den Problematiken mitteilen.

Schnelle Fakten

Basis

Hütte Spiterstulen

Landeplatz

Der gefrorene Fluss südlich der Hütte


Startmöglichkeiten


Viele Gipfel um die Hütte für alle Windrichtungen

Anfahrt

Oslo-Lom-Spiterstulen (Schneeketten mitnehmen)

Bericht

Als wir in das Gebiet um die Hütte Spiterstulen gekommen sind habe ich mir erst mal Gedanken um einen Landeplatz oder mehrere Landeplätze gemacht. Schon von Deutschland aus habe ich begonnen die Windsituation in und um Jotunheimen zu checken und mir einige hoch gelegene Windmessstationen heraus gesucht.

Als Landeplatz bietet sich im Winter der Fluss an der Hütte an. Der vereiste Fluss wird von Süden her frei angeströmt und hat keine weiteren Hindernisse.

Damit ist diese Frage schon einmal geklärt. Am ersten Tag unserer Tour sieht die Windprognose ganz gut aus. Es sind nur noch ein paar Nachwehen vom gestrigen Sturmtag zu spüren.

Das Problem in neuen Gebieten ist ja immer das man keine Ahnung hat wie das Gebiet funktioniert. Leider stand jetzt vor der Hütte auch kein Infobüro für Gleitschirmflieger… 😉

Aber das ist ja gerade das Abenteuer.

Wir steigen also im Tal auf um einen kleinen Vorsprung hoch über dem Tal aus Aussichtpunk zu nutzen. Von dort kann ich der Gruppe unsere Ziele für die nächsten Tag gut erklären. Der Wind steht mit einer Südlage ganz gut für einen Flug von diesem Vorsprung. Der Höhenunterschied beträgt ungefähr 800 Höhenmeter.

Oben angekommen wird der Wind sehr stark. Ich überlege kurz und möchte den Flug schon absagen. Ich versuche es noch einmal hundert Höhenmeter tiefer. Dort bin ich etwas von dem Südwind geschützt, muss jedoch darauf achten dass ich nicht in einen Seitenrotor einer größeren Einbuchtung gerate.

Ich suche also eine Stelle die noch gut vom Wind angeströmt wird um sicher in die Luft zu kommen. Meine einzige Sorge ist der Übergang vom Startplatz ins breite Tal hinein. Dort kann es etwas „unfreundlich“ werden. Zu diesem Zeitpunkt habe ich noch nicht mit einem sehr starken Wind im Tal gerechnet. Laut Prognose hätte er in diesem breiten Tal deutlich unter 30 Km/H liegen sollen.

Ich steuere möglichst weit von den zu erwartenden Turbulenzen weg und komme gut bis über die Hütte. Jetzt spüre ich den starken Wind im Tal. Schnell wird mir klar, dass ich ohne den Beschleuniger nicht „vor“ die Hütte komme und hinter der Hütte wäre es „voll doof“.

Mit Einsatz des Beschleunigers komme ich gute 100 Meter vor die Hütte und lande bei starkem Wind sanft auf dem gefrorenen Bachbett.

Den zweiten Fug bei dieser Unternehmung mache ich auf einen Abend. Die letzte Nacht verbrachte unsere Gruppe bei starkem Sturm auf dem Galdhoppigen. Von dort aus war an einen Gleitschirmflug nicht zu denken. Der heutige Abend ist fast Windstill. Nur ganz leicht weht ein Wind von Süden. Ich steige also 800 Höhenmeter auf um einen geeigneten Starplatz für einen Nullwindstart zu suchen.

Die Sonne ist schon untergegangen und taucht die weißen Berge in einen roten Farbton. Ich erreiche eine Stelle mit einem 400 Meter Abbruch nach Süden. Ab und zu weht ein leichter Wind die Felswand herauf. Doch für einen Klippenstart nach Süden natürlich viel zu wenig.

Zum Glück hat mein Skyman Schirm keine Probleme bei leichtem Rückenwind. Ich breite also ordentlich das Tuch aus und sortiere die Leinen. Noch ein paar mal checke ich den Wind bevor ich mich an den Tragegurten einhänge. Kurz ein paar Schritte zurück und dann los. Die Temperaturen dürften zwischen 9 und 12 Grad minus liegen. Diese kalten Temperaturen und der leichte Rückenwind sorgen für einen extrem langen Startlauf.

Der Schnee trägt mich ganz gut, nur einmal sinke ich bis zum Knie in den tiefen Schnee ein. Ich bin schon in vollem Lauf und verhindere nur knapp einen Sturz. Gleich darauf beginnt mein Schirm zu tragen und ich schwebe langsam und lautlos über dem Tal von Spiterstulen.

Ein unvergesslicher Moment hier oben im Winter Skandinaviens.

Die Landung an der Hütte ist bei leichtem Südwind recht einfach. Eine norwegische Flagge zeigt mir die ungefähre Windgeschwindigkeit.

Der dritte Flug ist wieder eine kleine Aufgabe zum nachdenken beim Aufstieg. Tobi, Steffen und Ich steigen auf einen fast 2000 Meter hohen Gipfel mit einem leicht nach Süden abfallenden Hang. Es weht ein leichter Südwind in der Höhe. Mein Plan ist es nach Süden gegen den Wind zu starten um an dem Berghang etwas zu soaren um Höhe zu machen. Im Anschluss möchte ich aus dieser kleinen Hochebene über die ca. 400 Meter hohe Abbruchkannte  herausfliegen um an der Hütte zu landen.

Am Gipfel angekommen weht natürlich kein Wind aus Süden. Es ist leider Windstill. Tobi und Steffen helfen mir beim ausbreiten des Schirmes. Der Start muss auf jeden Fall passen, sonst stehe ich einige hundert Meter tiefer auf der Hochebene. Von dort unten komme ich nur wieder weg indem ich erneut zu diesem Gipfel aufsteige.

Ein letzter Check und ich nehme drei Schritte Anlauf. Aufziehphase-Kontollphase-Abhebephase, wie im Lehrbuch und ich bin in der Luft. Mein Flug geht gleich nach rechts und ich bekomme tatsächlich noch einen kleinen Heber. Da ist mal kurz der Südwind durchgekommen. Noch zehn Sekunden bangen, dann kann ich abschätzen das meine Höhe bis zur Abbruchkannte reicht. Ich fühle mich wie Han Solo in Star Wars als er in Episode sechs den Todesstern zerstört hat und mit dem rasenden Falken gerade noch so ins Frei fliegen kann.

Ok, zugegeben der Vergleich hinkt, aber so habe ich mich eben, nur wenige Meter über dem Boden gefühlt. Und dann fliegst du über diese tiefe Kannte und hast plötzlich wieder viele hundert Meter Luft „unterm Arsch“.

Ein tolles Erlebnis und man kann es sich nicht kaufen.

Der letzte Flug ist am gleichen Abend. Ich steige bei Sonnenuntergang noch einmal in Richtung Galdhoppigen auf, bis die Sonne komplett am Horizont verschwunden ist. Die Kälte kriecht mir bei sternenklarem Himmel in die Knochen. Ich sehe noch etwas über mir einen Telemarker aus Richtung Galdhoppigen abfahren. Der Wind weht, kaum merklich aus Süden. Ich finde eine Stelle und breite meinen Schirm für einen Vorwärtsstart aus.   

Nach einem kurzen Check bin ich in der Luft. Unter mir der Telemarker den ich mit ein paar Kreisen über ihm grüße. Diese Dämmerungsflüge in dieser tollen Gebirgslandschaft sind einfach mit nichts zu vergleichen.

Für uns endet eine tolle Zeit in Jotunheimen. Ein Hike and fly Unternehmen was ich gerade für den Winter nur Empfehlen kann.